San Martin de los Andes, 15. März 2009

Der letzte Blogeintrag ist schon eine Weile her. Und wir haben nach drei Monaten Patagonien in Richtung Norden verlassen! Patagonien, die unendliche Weite. Was verbinden wir nach gut 6.000 Kilometern mit diesem Begriff? Die Pampa? Die Anden? Auf jeden Fall unglaublich viel Wind und schlechte Strassen. Waren wir am Anfang noch entzückt über die frische Brise, die auf Höhe der Halbinsel Valdez die Hitze milderte, so änderte sich die Meinung zu dieser Naturerscheinung doch erheblich im Verlauf, wenn wir auf endlosen Schotterstrassen im frontalen Gegensturm Mühe hatten, die Nadel auf Horstis Tacho auf Bereiche jenseits der 70 km/h zu bekommen. Patagonien, das ist tatsächlich die vielbeschworene Steppe, die hier auch genauso heisst, aber landschaftlich ist es auch alles Andere, grüne präkordillerische Landschaften, Flüsse, Fjorde auf der chilenischen Seite, Gletscher, Thermen und -die schlechtesten Strassen die wir bislang erlebt haben. Und Horst auch. Und dummerweise beeinflusst das auch unsere Tage und Planung in nicht unerheblichem Masse.

Highspeed auf der Carretera

Highspeed auf der Carretera

Ripio, also die waschbrettartig geformte Schotterpiste, ist per se nichts Schlimmes. Allerdings hinterlässt sie nach hunderten von Kilomtern unweigerlich ihre Spuren, und das sind die Dinge, die uns immer wieder beschäftigen. Nach der Erneuerung der hinteren Blattfedern in Coihaique (siehe letzter Eintrag) fuhren wir zusammen mit der wiedergetroffenen österreichischen Familie (http://unterwegs.z-haus.at) fröhlich weiter auf der Carretera Austral gen Norden, die Annahme, der per Elektrode geschweisste Tank sei wieder dicht, entpuppte sich als Irrtum. War er im Baumhängetest mehrere Tage dicht gewesen, so war er dies im eingebauten Zustand längst nicht. Das Auswechseln der hinteren Stossdämpfer hatte sich gelohnt, das heftige Rubbeln beim Bremsen war verschwunden. Ein lautes Klötern, was plötzlich und unvermittelt auftrat, war lediglich der schwere Ablasshahn des Abwassertanks, dessen Halterung durch Vibration abgerissen war. Braucht sowieso kein Mensch. Abwasser läuft unter den Bus, man kann es sowieso nirgendwo fachgerecht entsorgen.

Dann wartete die chilenische Andenlandschaft mit Thermen auf, wir hatten das Glück von unseren anderen Ushuaia-Bekannten (www.ug2003-chillout.de) einen „heissen“ Tip bekommen zu haben und konnten in einer naturbelassenen Therme bei strömenden Regen einen ausgiebigen Badeabend geniessen. terma-sauce-bei-la-junta-2

Der Regen war allerdings penetrant, sämtliche in der südlichen Hemisphäre ansässigen Wolken schienen auf der Westseite der Anden ihre schwere Wasserlast loswerden zu wollen, sodass wir uns auf der immer noch grotesk schlechten Carretera Austral, die zudem von vielen Baustellen unterbrochen war, durch Matschwüsten unseren Weg durch urige Regenwälder bahnten und manch verheissungsvoller Spazierweg ungegangen links oder rechts liegenblieb.

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Eine neue, ungeplante Unterbrechung trat -im Regen- auf, als es unter Horsts Motorhaube plötzlich quietschte und sich der Gestank verbrannten Gummis breitmachte. Nicht schon wieder die Lichtmaschiene! schoss es mir durch den Kopf, so wie damals in Oldenburg und schlechtes Gewissen machte sich breit, denn wir waren durch einige Bäche und grössere Pfützen gefahren, machmal auch aus Gaudi schneller als notwendig, manch eine Lichtmaschiene hatte hierbei einen Wasserschaden erlitten. Und unsere war neu, im Zuge der Motorüberhohlung. Also, abschleppen, Autos parken gegenüber der halb verlassenen, trostlosen chilenischen Kaserne in einem noch trostloseren grenznahen Kaff, das lediglich durch den Strassenbau am Leben erhalten zu werden schien. Also Kühlergrill und Kühler abbauen, Lüfterrad herunter, Keilriemen lockern und dann -zur grossen Überraschung- die Lichtmaschiene dreht sich jungfräulich leicht, aber die Wasserpumpe gab beim Drehen knirschende Geräusche von sich. Und was hat eine ebenfalls neue Wasserpumpe für Gründe zu knirschen? Also abbauen, gucken.

 Mit Hilfe der netten chilenischen Soldaten gelang das Zerlegen, ohne relevanten Befund. Das Studium des Werkstatthandbuchs durch unseren maschienenbaugeschädigten Freund Alex brachte dann die Lösung: Ein Schmiernippel war abvibriert oder hatte von vorneherein gefehlt, 80g Fett waren entfleucht und die beiden Lager waren so fettfrei nicht richtig glücklich. p1030795Also Fett hinein, oder „eini“, wie man Österreich zu sagen pflegt, alles wieder zusammengebaut und weitergefahren, heilfroh, nicht in diesem Nest herumhängen zu müssen und auf Teile zu warten. Bis nach kurzer Zeit ein heftiges Klappern von vorne die Freude störte. Die Stossdämpferhalterung war lose, der Stossdämper hin, Ripio. Stossdämper ausgebaut, weiter, bei Futaleufu über die Grenze nach Argentinien, unmögliche Grenzer, unfreundlich, unfähig. Die Story, die in Ushuaia die Runde machte, dass die Grenzer in Futaleufu alle Wertgegenstände genau verzeichnen und diese dann in San Carlos de Bariloche ( ca. 200 km weiter nordwestlich) geraubt werden, konnten wir nicht bestätigen, zu gering war das Interesse. Dafür konnten andere Reisebekannte diese Geschichte von einem anderen, etwas südlicheren Grenzübergang exakt berichten. Die nächsten Tage verbrachten wir dann in dem traumhaften Nationalpark Los Alerces, nördlich von Trevelin, nachdem wir hier -auf Jagd nach Ersatzteilen- in der Halle eines typisch argentinisch aufgeschlossenen Schlossers-

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noch die Auswirkungen eines vulkanausbruchs, nämlich den Ascheregen- miterlebt hatten.

trevelinasche-von-chaiten-17Unheimlich, diese Episode. Wir hatten von diesem Vulkan, dem Chaiten, gehört, der 2008 die gleichnamige Stadt unter einem Lava- und Ascheregen begrub und seitdem wiederhohlt Asche gespuckt hatte. Aber jetzt waren wir mittendrin und der Himmel verdunkelte sich, alles war in dichtem Nebel und die kleinen und grossen Aschepartikel legten sich auf Haut, Kleidung und Haare.

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Doch der Spuk ging bald vorrüber und die Sonne lachte wieder vom Himmel und wir freuten uns sehr über die Sonnentage, hatten wir doch einige Wochen in zuweilen recht ungemütlichem Wetter zugebracht.

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Später als geplant verliessen wir dann den Nationalpark Los Alerces, jetzt auch vorne frisch bestossdämpfert und nur ein platter Reifen unterbrach die kurze Strecke nach El Bolson, seines Zeichens ehemalige Hippiestadt, mittlerweile sehr touristisch geprägt, in deren Nähe wir die Farm von Claudia und Klaus aufsuchten.

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Diese haben sich nach ihrer 16 Jahre langen Weltreise hier mit ihren Kindern niedergelassen (www.abgefahren.info). Die Kinder hatten viel Spass miteinander, Helke übte sich in Yoga und perfektionierte ihr Kunst, dunkles, vollwertiges Brot zu backen, ein Genuss nach vielen Weissbrotwochen. So vergingen wieder einmal zwei Wochen mit Basteln, Backen Spielen und Lagerfeuer.

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Dabei wollten wir eigentlich nur ganz kurz bei Klaus und Claudia sein, denn es locken ja noch die weiter nördlich gelegenen südamerikanischen Länder und wir hatten überlegt, Horsti von Kolumbien aus zurückzuverschiffen. Das hätte aber eine straffe Zeiteinteilung erfordert und wenn eins klar ist, dann dass Paula und Tom keine Lust auf lange Autofahrten haben. Also legten wir nach der Abfahrt bei Klaus und Claudia nach 50 Kilometern gleich den nächsten Stop ein, über eine schmale, gewundene Einbahnstrasse (morgends bergab, abends bergauf) ging es an den Lago Steffen, einer der vielen wunderschönen Seen hier im Sieben-Seen-Gebiet, oder auch der argentinischen Schweiz, wie dieser Landstrich um Bariloche auch genannt wird.

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Durch diese Landschaft führte uns dann die Reise nach San Martin de Los Andes, hier werden wir nur noch schnell die Solarpanele befestigen, auch diese haben die Strassen „geschafft“, fast wären sie uns weggeflogen. Dann steht morgen ein erneuter Wechsel auf die chilenische Andenseite an, mit einer Fährpasssage über den Lago Lacar, auf die wir uns sehr freuen.

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10 Responses to San Martin de los Andes, 15. März 2009

  1. Ihr Lieben,
    was müßt ihr nur alles mitmachen? Statt unbeschwert durch die Lande zu fahren heißt es reparieren und reparieren! Ihr habt unser tiefes Mitgefühl – aber wir freuen uns auch, dass ihr wohl die Lust am Abenteuer nicht verliert, dass ihr, trotz allem, viel Schönes erlebt. Und das Landschaftserlebnis ist ja doch intensiver, wenn man statt mit 100 nur mit 15 km/h durch die Lande fährt. Macht es weiter gut. Wir freuen uns immer sehr über eure Berichte und die schönen Fotos von euch! Eine Frage: Hat Paula schon Zähne verloren?
    Liebe Grüße euch allen von euren Eltern

  2. Noch eine kurze Notiz: Es ist sehr schön, dass wir über die links mit euren Reise-Freunden Bekanntschaft machen können. Es scheint, dass die Welt voller Abenteurer ist. Macht weiter so und genießt die Freundschaft und das Zusammensein mit den Abenteurern!
    Euer Papi

  3. Alma und Jost sagt:

    Hallo Freunde von Ärzte ohne Grenzen!
    Jetzt seit ihr schon über ein halbes Jahr unterwegs und da das ungefähr dem Rythmus der Begegnungen zwischen Jülsch und mir entspricht, entsteht in mir geradezu eine Leere. Lieber Jülsch, solltest Du Lust haben, nächste Woche statt durch patgonisches Mistwetter zu jöckeln und in chirurgisch Kleinarbeit leblose Schmiernippel zu fetten mit mir ins Casa zu gehen, so fühle Dich aufs herzlichste eingeladen. Falls nicht, muss ich eben noch ein paar Monate warten.
    Grüße aus der Rezession Jost

  4. Reifen sagt:

    Hallo,

    bin hier zufällig gelandet.

    Sehr gut geführter Blog, Angenehm zu lesen, man merkt das hier jemand mit viel
    Energie am werk ist. Möchte mich meinem Vorschreiber anschließen.Ist immer wieder erfreulich zu lesen das auch andere die gleiche Meinung haben.

    Weiter so.

    Gruß

    Michael Reifen

  5. Brit sagt:

    Ihr da auf der anderen Seite!
    Im Moment würde ich sagen: Auf der richtigen Seite!
    Das Wetter: Grad ein paar Tage aufgeatmet und die Sonne reingezogen wie jemand der nach jahrelangem Entzug wieder so richtig loslegt,und Schwups Eiseskälte/Hagel/Regen und sofort.Da möchte ich auch gleich und so fort: WEG.
    Naja,aber einen Regenbogen gab es doch(Wer hat den noch gesehen?) heute von der WeserEmsHalle bis ca. kurz hinter der Autobahn, dahin wo meine HochzeitsWünscheKarte für Euch es damals im April geschafft hatte.
    So.Zu dem ganzen technischen Kram kann ich grad nix Schlaues sagen,ich beschränke mich auf eine gute fast vergessene Eigenschaft von mir(nämlich-Naivität gepaart mit StehaufOptimismus) ES ROLLT ALSO-SUPER IHR KOMMT VORAN.DER WEG IST DAS ZIEL.HORST WEITER SO.VON WEGEN ALTES EISEN.ES LEBE DIE NOTFALL CHIRUGIE.
    Achja,der Theo hatte ja Geburtstag und Schwupps auf einmal will der keine Windel mehr anziehen und es funktioniert!!!!Wenn der Mann nur ins richtige Alter kommt.Vielleicht liegt es aber auch an seinem SecondHand Trekker,die Vibration kommt erst so richtig gut auf ungepolsterten Pobacken an.
    Es lebe das Zeitalter der Industrialisierung.Oder so.
    Gut NachtGruß von Brit

  6. Sybille und Elke sagt:

    Hallo ihr am Ende der Welt!
    Mit Milchkaffee und Zigaretten, nach einem reichhaltigem Früh(Spät)stück haben wir eure phantastischen Bilder zusammen auf uns wirken lassen und sind empört, dass wir nicht dabei sind.
    (Ekki vermutet, dass ihr nur Postkarten abfotografiert)
    Nach einem endlosen ewig langen Winter hat auch bei uns jetzt endlich der F(r)ühling angefangen, so dass wir euch nicht fortlaufend um das schöne Wetter beneiden müssen aber immer noch um eure spannenden Erlebnisse. Wann plant ihr eure Rückkehr, wir warten schon auf euch, der Tisch bleibt gedeckt. Beeilt euch, die Brötchen werden hart… mit Sonne im Herzen an eure Herzen
    ganz liebe Grüsse Sybille und Elke

  7. Renate sagt:

    Also, böse Zungen haben heute vermutet, wir erleben hier in Deutschland unseren Sommer…Ich denke, so ca 25Grad lassen schon etwas sommerliches vermuten, aber dann hätten wir auch dieses Jahr den Frühling übersprungen, was ganz doof wäre, oder?
    Ihr habt ja in der letzten Zeit nen bißchen Alltag gehabt, oder? Autoreparaturen, Brot backen, die Kids treffen Freunde,ist ja wie zuhause, hihi. Was sagt bloß der südamerikanische Osterhase dazu?
    Schicke Euch auf diesem Weg mal eben sonnige Ostergrüße:-))

  8. Malin sagt:

    He Helke, he Jülsch,

    seitdem die Sonne endlich, endlich scheint, vermisse ich euch so richtig!! Wir kommen nun wieder oft auf dem Weg zum Fidi an ‚eurem‘ Haus vorbei und wie leer wirkt die Strasse ohne Paula und Tom mit diversen Fahrzeugen und wie schade nicht mit euch schnacken zu können!
    Wie schön eure Reiseberichte sind (trotz der Pannen) und wie schön die Fotos. Ich bin ganz neidisch!
    Leo war auch gerade wieder vier Wochen in Chile, der war aber reisefaul und ist bei seinen Eltern in Santiago geblieben. Habe da aber auch noch keinen ausführlichen Bericht gehört.
    Ich hoffe sehr, daß es euch weiterhin gut geht. Ganz ganz viele liebe Grüße, Malin

  9. raffi sagt:

    Mit einem lachenden und einem weinenden Auge ließt man den Bericht. Ihr lacht auf den Fotos, also lachen wir mit.Sch:-)ne grüße euch allen und passt auf euch auf!
    P.S. ist die musi angekommen?

  10. die treulosen tomaten aus der kobbestraße sagt:

    hi ihr lieben. wir waren nun länger nicht hier unterwegs, was aber nicht heißt, dass wir nicht ganz oft an euch denkten!! wir haben und hatten nur – zum glück! – endlich schönes wetter am stück und deshalb natürlich besseres zu tun, als am computer zu sitzen!
    oh oh — der letzte bericht klingt aber echt so, als hättet ihr und horsti dringend mal urlaub nötig!
    lino und mitja übrigens auch, sie haben die ganzen ferien hart gearbeitet – am baumhaus – und wenn das so weiterwächst, könnt ihr da nach eurer rückkehr einziehen. [scherz.] fürs erste also mal nur schnelle grüße von uns allen, eine mail schreiben wir, sobald es regnet, versprochen 😀
    gine

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