Medellin, 17. Juli

Kolumbien. Endlich. Zweimal stand ich schon vor der Grenze, dann hats geklappt. Nach nur drei Stunden! Dabei war das Problem nicht die Einreise, sondern die Ausreise aus Ecuador. Egal, sollte die letzte Landgrenze sein, auf der Tour. Zehn Tage noch, dann ist auch fuer mich der Aufenthalt auf diesem Kontinent beendet. Ein komisches Gefuehl, aber ich freu mich auf zu Hause… Und so ganz easy beasy ist die Zeit bei dieser Kilometerfresserei auch nicht. In Peru konnte man -immer schoen an der Kueste entlang- ordentlich Meile machen, aber die letzten 1000 Kilometer wollten hart erarbeitet werden, immer schoen die Anden rauf und runter, ewiges Fahren im zweiten Gang, erst rauf, dann runter und dabei irgendwie an den Lkw vorbeikommen, die sich teilweise mit weniger als Schrittgeschwindigkeit die Strasse hinauf oder hinab quaelen.

In Ecuador fuehrte die PanAm zunaechst auch noch an der Kueste entlang, jetzt weiss ich auch, wo die Bananen wachsen. Dann einmal rueber, ueber die Kordillere und ab in den Regenwald, in Misahualli kam ich bei Bernhard, einem deutschen Arzt unter, der hier eine Urwaldlodge, den „Jardin Aleman“, den deutschen Garten, betreibt. Es folgte am naechsten Tag ein Ausflug mit dem Boot auf dem Rio Napo und- am Abend ein Treffen mit einem echtem Medizinmann! Naemlich dem Schamanen Atahuallpa, der gleichzeitig auch Kapitaen des Bootes und Urwaldfuehrer ist und uns so interessante Gewaechse wie Curare und bestimmte Lianen zeigte, aus denen ein Trunk gebraut wird, Ayahuasca, welcher halluzinogen ist und es dem Shamanen ermoeglicht, die Diagnose des Patienten zu erkennen. Atahallpa sagte also, er wuerde am Abend mit zwei Russen die Zeremonie zelebrieren, ich hab dann mal gefragt, ob man da mitmachen kann, ja das ginge. Also abends zu Atahuallpa, am Nachmittag hatten wir noch eine Tierauffangstation besichtigt, http://www.amazoonico.org, wo auch zwei Touris herumliefen, so richtig zum abgewoehnen, arrogant, geringschaetzend, die freiwillig dort arbeitenden Menschen von oben herab behandelnd.

Ich also abends zu Atahuallpa, die Zeremonie fand im neugebauten Steinhaus auf Plastikstuehlen statt, ich war der Erste! in Suedamerika gehoere ich naemlich zu den ganz Puenktlichen…Naja, und dann kamen die beiden Russen und ich fiel fast vom Plastikstuhl, denn es waren -die beiden Touris vom Nachmittag. OK. Dann gab es dieses Getraenk und verzweifelt wartete ich auf die Wirkung, aber bis auf ein minimal lauteres Zirpen der Grillen war nicht viel passiert. Es folgte eine Geschichte ueber eine Vision von Atahuallpas Vater und dann startete die Zeremonie, zuerst mit dem Russen. Atahuallpa zischte und fauchte und spukte und wedelte mit Blaettern, dass es eine Wonne war und dann war die Zeremonie irgendwann vor!bei und die Russen mussten los. Und siehe da, fuer die „Heilung“ waren 30 Dollar faellig. Da waere ich fast zum zweiten Mal vom Plastikstuhl gefallen, ich dachte, es waere eine Einladung… Ich wurde dann gefragt, ob ich bereit sei fuer die Zeremonie, ja sei ich , aber ich haette kein Geld! Es ging dann auch ohne und war wirklich ganz witzig, hab jetzt irre viel Kraft…

Am naechsten Tag sollte es ja eigentlich nach Quito gehen, aber dann war da dieser Wegweiser, der zur aeltesten Erdoelstadt in Ecuador wies, tiefer in den Regenwald hinein. Und da mich der Regenwald nun einmal deutlich mehr fasziniert als eine Stadt auf 3000m Hoehe, folgte ich ihm und fuhr zunaechst nach Coca, dort war es so schoen warm und feucht, sodass das kalte Bier nochmal so gut schmeckte. Es ist uebrigens der Ort, von dem vor langer Zeit die erste Expidition an die Atlantikkueste glueckte; das Gefuehl, Horst hier auf ein Boot laden zu koennen und den Amazonas entlang zu fahren, war schon witzig. Aber stattdessen ging es weiter nach Lago Agrio, besagter Oel-Pionierstadt und auf dem Weg dorthin war zwar nicht mehr viel vom Regenwald zu sehen, dafuer aber umso deutlicher, wie das Oel der Erde abgetrotzt wird, ueberall Pipelines, Pumpstationen, Stichstrassen. Ich hielt es fuer eine gute Idee, in dieser Stadt, quasi an der Quelle, einen Oelwechsel durchfuehren zu lassen, musste dann aber erfahren, dass das Oel keineswegs aus der Erde in Horstis Motor wandert, sondern einen kleinen Umweg ueber die USA macht.

Verlockend war der Gedanke, von Lago Agrio aus einfach ueber die Grenze nach Kolumbien zu fahren, lag sie doch nur 20 Kilometer entfernt und so ganz ebenerdig, sach ich mal. Doch die Kommentare der hierzu befragten Locals waren einstimig und eindeutig: Fahr da rueber und du bist tot.  Schliesslich gibt es sie noch, die kolumbianische Guerilla und im Regenwald, abseits der Hauptverkehrsadern, laesst man sich als Touri besser nicht blicken.

Also folgte die Passerklimmung, hab ich glaube ich schon erwaehnt, dass das kein Spass war und ich wurde auch nicht durch eine entsprechende aussicht belohnt, es war dann naemlich schon dunkel. Gut, ich Kulturbanause hab dann Quito ausgelassen und bin Richtung Grenze, wo ich tags drauf feststellte, dass dort brennende Reifen auf der Grenzbruecke lagen, wegen eines Indigena-Protestes. Also warten, am naechsten Tag war der Weg frei. Mittlerweile drehte sich das Wasser im Spuelbecken auch schon wieder andersrum.

Kolumbien empfing mich dafuer mit ganz neuen Eindruecken, im Vergleich zu den bisher bereisten Laendern wirkt es viel munterer, die Haeuser sind bunt angemalt, es gibt Blumen in Blumentoepfen und es liegt weit weniger Muell herum als ueberall sonst. Und jeder Motorradfahrer traegt nen Helm, es gibt irre viele Rennradfahrer und Jogger und die Menschen sind verdammt freundlich und in Pazifiknaehe ausschliesslich schwarz. Ja, auch hierhin wurden von den Spaniern Sklaven aus Afrika verschleppt, um auf Kaffee- und Zuckerrohrplantagen zu arbeiten. Die PanAm ist hier unvergleichlich schoen, windet sich lange durch den Nebelwald die Kordillere hinauf, fuehrt dabei durch viele kleine Orte, in denen man quasi durchs Wohnzimmer der Leute faehrt. In so einem Ort uebernachtete ich, in benzingeschwaengerter Luft und Laerm, der nie aufhoert…

So fuhr ich tapfer bis Medellin, durch das ebenfalls wunderschoene Valle del Cauca, wo unter subtropischen Bedingungen in 1200m Hoehe der Kaffee waechst, weiss ich jetzt also auch, wo der herkommt.  Unterbrochen wurde die Fahrt nur durch eine Polizeikontrolle, nichts Besonderes, die gibt es hier alle paar Kilometer. Besonders jedoch in der Hinsicht, dass der Beamte, im Gegensatz zu allen seinen Kollegen, die mir seit der Grenze untergekommen waren, nicht nur mal einen Blick ins Auto werfen wollte, um dann freundlichst eine gute Weiterfahrt zu wuenschen, sondern er sich auf unangenehmste Weise breitmachte und alles inspizierte. Schliesslich bemerkte er das Fehlen einer kolumbiansichen Versicherung und drohte nach weiteren endlosen Minuten, das Auto still zu legen. Auch die Geschichte, dass die Police unter den in Peru gestohlenen Papieren war, machte ihn nicht gluecklich. Das vermochte nur der huebsche 20.000 Peso-Schein, zu dessen Weggabe ich mich durchgerungen hatte, als der Bulle nach 40 Minuten das bessere Sitzfleisch bewiesen hatte.

Medellin, ehemals Stadt der Drogenbarone, ist mittlerweile eine moderne Metropole. Beim Einfahren in die Stadt misstraute ich kurz meinen mueden Augen, es fuhr eine Metro! Die erste, die ich  seit einem Jahr sah. Und um die hoehergelegen Stadtteile an das Oeffi-Netz anzubinden, betreibt die Stadt Seilbahnen. In Medellin besuche ich Alexa, eine Deutsche, die hier an der deutschen Schule unterrichtet und eine Streetdance-Schule betreibt. Und dann steht endlich die Karibik auf dem Programm, Cartagena, ich komme!

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2 Responses to Medellin, 17. Juli

  1. Lieber Jens-Ulrich,
    wie schön, dass du endlich (fast) angekommen bist. Und mit so viel Zauberkraft versehen, dass du den dir bald bevorstehenden Kulturschock mit der europäischen Zivilisation hoffentlich verkraften wirst. Mach’s gut in den letzten Tagen.
    Es hat uns sehr gefreut, dass du noch einen Bericht geschreiben hast über die letzten Erlebnisse. Vielleicht gibt es ja noch einen ganz kurzen Abschlusseintrag „Auf Wiedersehen, Südamerika, du Kontinent voll interessanter und schöner Erlebnisse!“. Grüße, unbekannterweise, Alexa Gall von uns.
    Liebe Grüße von deinen Eltern

  2. Brit sagt:

    Lieber Jülsch!

    Ich bin ja grad im Bunker am Flötenteich auch eine Alexa(Alexa Werdades),ganz in Magenta.So eine TV-Tussi.
    Wenn Du wieder in Oldenburg bist kannst Du Dir die Veranstaltung antun. Es ist natürlich hochspannend.Helke und Maja hatten bei der Premiere viel Spaß und meinten das wäre in gewisser Hinsicht besonders ein MännerStück-viel Wissenschaftliches….
    Auf den letzten Metern viel Glück.
    Herzlichst von Brit

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